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Archive for the ‘Reflexionen’ Category

Über den Vorteil des Älterwerdens

Montag, August 6th, 2007

Bin ich ehrlich zu mir, gibt es wenige Vorteile des Älterwerdens. Schon der Gegensatz “jung sein” und “älter werden” ist ungleich. Jungsein ist ein statischer Zustand und Älterwerden ein permanenter Prozeß. Älter wird man immer, dies wird einem selbst jedoch erst dann bewußt, wenn Jungsein jenseits der eigenen Erfahrungshorizonte liegt. Da helfen keine Fitness-Studios, keine Schönheitschirurgen und keine “altersgerechte” Animation. Nun ja, jetzt zum eigenen Älterwerden, welches irgendwie immer auch in Bezug zum eigenen Jungsein steht.

Vor dreißig Jahren, als die ersten Bio-Läden enstanden, begeisterte ich mich auch für die biologische Ernährungsweise oder, wie es damals IN war, für makrobiotische Ernährungsweise. Ich legte lange Strecken in Köln mit Straßenbahn oder Fahrrad zurück, um im Bio-Laden “Was die Bäume sagen” einzukaufen. Ich besorgte mir das Brotbackbuch Tassajara von Edward Espe Brown und buk Brot. Es gelang mir redlich, die Brote schmeckten, zwar nicht nach Brot, immerhin wurden sie gerne gegessen, sie zerfielen leicht und hatten keine Kruste. Irgendwann verebbte die Brotback-Welle, ökologisch einkaufen (man bemerke die leichte Veränderung der Wortwahl) blieb als grundsätzliche Zielsetzung bestehen. Aber selbst als ich diese Jahr zur Berlinale den Fim “How to Cook your Life” von Doris Dörrie sah, einen Film über den Autor des Brotbackbuches Tassajara, fiel mir meine damalige Leidenschaft zum Brotbacken nicht ein. Vorige Woche erinnerte ich mich plötzlich des Brotbackens, ich suchte das Buch, fand es nicht, wird irgendwie bei den vielen Umzügen verloren gegangen sein, bestellte bei Amazon die englische Ausgabe und buk.

brot2.jpg

Es wurde ein gar vorzüglich Brot, mit wunderbarer krosser Kruste, guter Konsistenz, und es schmeckt nach gutem Brot. Ich habe mich strikt an die Anweisungen des Rezepts gehalten, so wie ich es immmer tue, mit der nötigen Distanz, Interpretation und Improvisation. Die Kernelemente habe ich genauso durchgeführt wie vor dreißig Jahren: 300 mal kneten, Teig ruhen lassen, wieder kneten, wieder ruhen lassen usw., aber irgendwas muß ich als nicht faßbar zu konkretisierende Erfahrung gewonnen haben, die mich befähigt, besseres Brot zu backen. Das macht Älterwerden aus, und da werde ich morgen mit großem Optimismus mein 54. Lebensjahr beenden.

Bloggen und Öffentlichkeit

Dienstag, Juli 31st, 2007

Zur Diskussion um Abmahnungen, aktuell McWinkel Blog u.a.

Die Empörung ist groß. da will doch jemand nicht mehr mit seinem Spitznamen genannt werden. Ein Spitznamen, der eindeutig rassistische Intentionen in sich trägt. Der Hinweis, man wäre ja kein Rassist und könnte daher ohne Bedenken rassistisch geprägte Begriffe verwenden, ist meiner Meinung nach falsch. Rassismus fängt mit dem Denken, Sprechen, Schreiben an und endet in rassistischem Handeln. Ein Argument der Empörenden ist: der Träger Karlheinz Schwensen müsse den Spitznamen ertragen, da er ihn jahrzehntelang geduldet habe oder sogar mit diesem Spitznamen kokettiert habe. Ich denke, jeder hat das Recht, andere Einsichten zu bekommen. Mittlerweile hat sich Herr Karlheinz Schwesen auf dem McWinkel Blog selbst geäußert und recht nachvollziehbar seine Position dargelegt. Ob man auf die Nennung des Spitznamens direkt mit rechtlichen Schritten reagieren muß oder ob ein E-Mail mit der Bitte um Unterlassen ausreichend ist, ist die subjektiv begründbare Entscheidung des Herrn Schwensen bzw. seines Rechtsanwaltes. Es zeugt jedoch von einem merkwürdigem Rechtsverständnis, wenn die Inanspruchnahme von Rechtsmitteln als Abzocke, Machenschaft oder als Verschwörung gegen die Blogger verstanden wird. Des weiteren wird in manchen Kommentaren so getan, als hätte man die bürgerlichen Rechte verloren, wenn man im St.-Pauli-Mileu zu Hause war, eine schillernde Vergangenheit hat oder Boxer war.

Jeder hat das Recht, unabhängig von seinem Vorleben und seinen Einstellungen, sich verfügbarer Rechtsmittel zu bedienen.

Ich schließe mich der Einschätzung des Artikels Blog und Rechtsstaat: Das böse Erwachen von Jörg Friederich in DuBerichtest.de an, daß für’s Bloggen die Regeln öffentlicher Kommunikation gelten. Hier gilt es zwischen Privatsphäre und den Bedürfnissen der Öffentlichkeit nach Information und Entertainment abzuwägen. Das Verhältnis zwischen Privatheit und Öffentlichkeit verändert sich durch die Entwicklung des Internets und muß neu rechtlich definiert und geregelt werden. Dieser Prozeß wird nicht ohne Blessuren vonstatten gehen. Doch nicht jede Auseinandersetzung ist eine Verschwörung gegen die Bloggersphäre. Übrigens, wenn es stimmt, daß Herr Schwensen in Privatinsolvenz ist, dürfte es ihm schwerfallen, sich durch eventuelle Zusatzeinnahmen durch Abmahnungen zu bereichern, er unterliegt nämlich dann den Pfändungssätzen.

Natürlich gibt es auch Versuche, das rechtlich ungeklärte Verhältnis von Öffentlichkeit und Privatheit im Internet für eigene Interessen auszunutzen, und manche Abmahnung deutet darauf hin.


Linktausch mit System