Eine Erwiderung
Montag, März 28th, 2011Schon lange habe ich nichts mehr geschrieben, obwohl ich mir schon länger vorgenommen habe, über eine positive Entwicklung in Moabit zu berichten. Die arg heruntergekommene Markthalle in Moabit wurde vorigen Sommer von der Zunft AG übernommen und behutsam saniert. Bis auf einen Eierhändler wurden alle Händler übernommen. Nach anfänglicher Skepsis habe ich den Eindruck, durch die Halle geht ein Gefühl des Aufbruchs, neue Kunden kommen, der Umsatz erhöht sich, und die Wettbewerbsfähigkeit der Händler steigt. Zu dem früheren Publikum am Hallenimbiss, an der Brutzelecke, einer Imbissstationen in Alt-Berliner Tradition, stößt neues Publikum, welches sich für wertige Weine, Lebensmittel und andere manufakturelle Produkte interessiert. Eine Begegnung unterschiedlicher Milieus mit unterschiedlichen Voraussetzungen bietet auch eine Projektionsfläche für Publizisten zur Selbstprofilierung. Hiervon zeugt folgender Artikel Wertewandel in der Zunfthalle. Schnell werden da mal Schlagwörter wie Gentrifizierung (da ist man sich schon mal der Zustimmung vieler sicher), szeniges Hochpreiszeug und Lifestyleschnickschnack mit verkürzter Zitatwiedergabe zu einem Brei vermischt, der beim ersten Bissen noch Wohlbefinden auslöst, aber schon beim zweiten Empfinden nur Widerwillen auslöst. Der Autor Rainer Balcerowiak hat in dem Artikel “Wertewandel in der Zunfthalle” schnell mal alle Vorurteile zusammengerührt, er hat sich nicht kundigt gemacht, dass die Zunft AG neben den Hallenflächen auch Atelierräume und Büroräume günstig an junge Künstler, Designer vermietet, dass fast in wöchentlichem Turnus Weinproben mit einem Essensangebot für sehr kleines Geld angeboten werden, oft mit den betreffenden Winzern. Aber zu dem Artikel oder doch besser Machwerk.
“Vielleicht hat der Chef der Zunft-Weinhandlung ja besondere Sensoren für besagtes Bürgertum. Als ich mich neulich auf der Suche nach einem brauch- und bezahlbaren Riesling-Sekt brut entlang der Regale bewegte, fiel ich jedenfalls durch’s Raster. Zunächst noch höflich, fragte er mich, ob er mir helfen könne. Ebenso höflich lehnte ich dankend ab und verwies darauf, in Ruhe das Angebot studieren zu wollen, um gegebenenfalls eine Flasche zu erstehen. „Die müssen sie aber dann bei mir bezahlen“, kam es nunmehr schon etwas bellend zurück. Ich erklärte dem Herrn, dass mir dies durchaus bewusst sei, doch nunmehr bestand er darauf, in meiner Nähe zu bleiben und während meines Rundgangs „Blickkontakt zu halten“.”
Was soll uns hier gesagt werden? Möchte der Autor auf keinen Fall Beratung? Besteht er darauf, bei einer Kaufentscheidung möglichst lange auf eine(n) Verkäuferin/Verkäufer zu warten? Die Verkaufsfläche ist groß, ist etwas unübersichtlich. Oder hat die Aufregung des Autors andere Gründe?
„Es werden Plätze benötigt, an denen eine direkte Kommunikation zum Wertewandel stattfinden kann“. Der Autor hebt diese Zitat als zu kritisierend hervor, ohne auf die betreffenden Seite zu verlinken, denn dann könnte sich ja der Leser selbst ein Bild machen. An anderer Stelle heißt es zum Beispiel: “Zunft[orte] sollen auch Grundlagen für faire Wirtschaftskreisläufe besonders für regionale Produkte mit den damit verbundenen positiven Auswirkungen auf die Arbeitsplatzstrukturen und den Klimaschutz in den Regionen fördern. Jeder Nutzer (ob Manufaktur, Hersteller oder partnerschaftlich organisierter Händler und Dienstleister) ist den anderen Nutzern gleichzeitig Frequenzbringer. Zusätzlich zu den realen Orten werden Kommunikations- und Vermarktungshilfen wie das Zunft[magazin], die Wikipedia Zunft[wissen], das Zunft[TV] und die Ecommerce-Plattform Zunft[werk] angeboten, die eine nachhaltig gute Nachbarschaft sichern helfen. Informationen zu den Mietern und Partnern, die für eine gute Nachbarschaft sorgen, finden sich hier.”
Dies ist unter Wertwandel zu verstehen, weg von großindustrieller Produktion, Suche nach Möglichkeiten von Vernetzung von manufakturell hergestellten Waren, sei es bei Lebensmitteln oder bei anderen Waren, der eine mag Schnickschnack, der andere liebt es möglichst karg, vielleicht nur bei Glühbirne, Matratze und Tisch und Stuhl. Ich hoffe, wir sind von einem Geschmacksterror noch weit entfernt.
Schlimm wirde es aber in dem Artikel, wenn ein kleiner Bio-Winzerbetrieb mit Tatsachenbehauptungen niedergemacht wird, die der Nachprüfung nicht standhalten. Weinjournalist kann sich jeder nennen, das wird hier allzu deutlich. Ich war bei mehreren Weinproben der Weine des Weingutes Wassmann zugegen, anwesend waren weitere Gäste mit profunder Weinkenntnis. Eine Aussage bei einer solchen Weinprobe lautete, der Blaufränkische des Weingutes Wassmann könne sich mit den Spitzen-Blaufränkischen aus Österreich messen, nur werde er zu einem weitaus günstigeren Preis angeboten. Keiner dieser Weine weist Lese- oder Kellerfehler auf. Wein ist Geschmackssache, und Geschmack ist individuell, so mögen diese Weine nicht den Geschmack des Autors treffen, dann sollte er das so deutlich machen und nicht mit Tatsachenbehauptungen operieren. Kurzes Googeln hat mich mit der Information versorgt, der Autor setzt sich für eine nicht elitäre Weinkritik ein, hier trifft er bei mir auf große Zustimmung, vielleicht sollte er aber zunächst einmal seine Weinkritik überprüfen. Ich halte es für geradezu unverschämt, so über einen kleinen Winzerbetrieb herzufallen, bei einem großen Weingut wären Abmahnungen zu befürchten. Hier stelle ich auch die soziale Kompetenz des Autors in Frage, wer sich für die Bewohner günstiger Altbaukieze stark macht, sofern dies nicht nur eine Attitüde der Selbstprofilierung ist, sollte auch mit wirschaftlich schwachen Erzeugern solidarisch umgehen und nicht Rufmord betreiben. Für mich ging es dem Autor um die Bestätigung eigner Urteile, um den Beifall seiner Klientel und nicht um die Auseinandersetzung mit einem Projekt der Begegnung unterschiedlichster sozialer Milieus.
