Kondition und Weinverkostung
Erwartungsfroh trafen wir, meine Frau und ich, gestern morgen auf dem Hamburger Weinsalon ein. Nach kurzer Orientierung über die Gegebenheiten legten wir uns einen Verkostungsplan zurecht. Zunächst wollten wir die Weißweine, beginnend mit den Rieslingen, dann die weißen Burgunder-Weine und abschließend die Grünen Veltliner verkosten. In der zweiten Runde nach einer Mittagspause sollten die Spätburgunder an dioe Reihe kommen. Wir degustierten pro Winzer in der Regel zwei Weine, ein Basiswein und einen seiner Spitzenweine.
Unser Verkostungsplan wurde durch unsere konditionellen Voraussetzungen zunichte gemacht. Als erstes machte unsere Nase schlapp. Verkündete sie uns bei den ersten Weinen noch intensive Aromen von Grapefruit, Melone, Pfirsich, Zitrusfrüchten, wurden die Eindrücke bei zunehmendem Weinkonsum immer schwächer, und unser Eindruck war, nur noch die aromaintensiven Weine konnten bei fortschreitendem Konsum reüssieren. Leider gab es nur Sektkübel an den Tischen der Winzer und keine Spucknäpfe in den Gängen, was bei uns die Folge hatte, wir tranken den meisten Wein. Ich denke, auch bei anderer Vorgehensweise hätte unsere Kondition nachgelassen, wahrscheinlich etwas später. Unsere Geschmacksknospen hielten länger durch, doch wenn wir unsere Verkostungsnotizen anschauen, sind sie zu Beginn ausführlich und differenziert und zum Schluß beschränken sie sich auf die Beschreibung von Süße und Säurespiel. Bei den Rieslingen hatten wir uns 14 Weingüter ausgewählt, und wenn wir ehrlich sind, hätten wir die Degustation der Rieslinge über den ganzen Tag strecken müssen und einen zweiten Tag für die Verkostung von Rotweinen reservieren, wahscheinlich auch nur eine Rebsorte, und die wäre von unserem Interesse her dann Spätburgunder gewesen.
Ich habe schon des ?fteren an Weinverkostungen teilgenommen und habe auch schon Weinregionen bereist und Winzer besucht, mir ist aber noch nie so deutlich geworden, daß Verkostungen ihre Grenze in der eigenen konditionellen Verfassung haben. Auch wenn es bestimmt Menschen gibt, die über mehr Kondition und Konzentration verfügen, so bezweifle ich die Kritikfähigkeit sogenannter Weingurus, die sich damit brüsten, jeden Tag 50 Weine verkosten zu können und ein Urteil zu fällen, das dem Wein gerecht wird.
Unser Verkostungsplan ist gescheitert: nach unserer Weißweinrunde suchten wir uns in der Nähe ein Restaurant, mehr zum Sättigen und um eine Grundlage zu schaffen als zum kulinarischen Genießen. Wir haben in der Nähe etwas gefunden, satt sind wir geworden, mehr ist über das Restaurant nicht zu berichten.
In der Börse wieder angekommen, mußten wir nach dem zweiten Winzer feststellen, wir können jetzt zwar weiter machen, dann wird es zu einem “Besäufnis”, was auch manchmal schön sein kann, wir werden aber den Winzern nicht gerecht und erfahren nichts mehr über die Weine, außer das uns besonders voluminöse Weine aufgefallen wären.
Wir haben dann abgebrochen, haben uns bei schlechtem Wetter noch ein wenig Hamburg angschaut und sind nach Berlin zurückgefahren mit dem Vorsatz, für die nächsten Degustation mehr Zeit einzuplanen. über einige der verkosteten Rieslinge werde ich im nächsten Artikel berichten.