Über den Vorteil des Älterwerdens
Bin ich ehrlich zu mir, gibt es wenige Vorteile des Älterwerdens. Schon der Gegensatz “jung sein” und “älter werden” ist ungleich. Jungsein ist ein statischer Zustand und Älterwerden ein permanenter Prozeß. Älter wird man immer, dies wird einem selbst jedoch erst dann bewußt, wenn Jungsein jenseits der eigenen Erfahrungshorizonte liegt. Da helfen keine Fitness-Studios, keine Schönheitschirurgen und keine “altersgerechte” Animation. Nun ja, jetzt zum eigenen Älterwerden, welches irgendwie immer auch in Bezug zum eigenen Jungsein steht.
Vor dreißig Jahren, als die ersten Bio-Läden enstanden, begeisterte ich mich auch für die biologische Ernährungsweise oder, wie es damals IN war, für makrobiotische Ernährungsweise. Ich legte lange Strecken in Köln mit Straßenbahn oder Fahrrad zurück, um im Bio-Laden “Was die Bäume sagen” einzukaufen. Ich besorgte mir das Brotbackbuch Tassajara von Edward Espe Brown und buk Brot. Es gelang mir redlich, die Brote schmeckten, zwar nicht nach Brot, immerhin wurden sie gerne gegessen, sie zerfielen leicht und hatten keine Kruste. Irgendwann verebbte die Brotback-Welle, ökologisch einkaufen (man bemerke die leichte Veränderung der Wortwahl) blieb als grundsätzliche Zielsetzung bestehen. Aber selbst als ich diese Jahr zur Berlinale den Fim “How to Cook your Life” von Doris Dörrie sah, einen Film über den Autor des Brotbackbuches Tassajara, fiel mir meine damalige Leidenschaft zum Brotbacken nicht ein. Vorige Woche erinnerte ich mich plötzlich des Brotbackens, ich suchte das Buch, fand es nicht, wird irgendwie bei den vielen Umzügen verloren gegangen sein, bestellte bei Amazon die englische Ausgabe und buk.
Es wurde ein gar vorzüglich Brot, mit wunderbarer krosser Kruste, guter Konsistenz, und es schmeckt nach gutem Brot. Ich habe mich strikt an die Anweisungen des Rezepts gehalten, so wie ich es immmer tue, mit der nötigen Distanz, Interpretation und Improvisation. Die Kernelemente habe ich genauso durchgeführt wie vor dreißig Jahren: 300 mal kneten, Teig ruhen lassen, wieder kneten, wieder ruhen lassen usw., aber irgendwas muß ich als nicht faßbar zu konkretisierende Erfahrung gewonnen haben, die mich befähigt, besseres Brot zu backen. Das macht Älterwerden aus, und da werde ich morgen mit großem Optimismus mein 54. Lebensjahr beenden.
