Die Fischerhütte
Galt unser kulinarisches Intresse letztes Mal einem gatronomischen Objekt, welches den meisten Interessierten unbekannt ist, besuchten wir diesmal die Fischerhütte am Schlachtensee, ein traditionelles Berliner Ausflugslokal mit Biergarten, Restaurant und Weinstube. Mit einer skeptischen Grundstimmung näherten wir uns der Fischerhütte. Traditionslokale mit hohem Publikumsandrang sind meist eine Entäuschung, die Massen sind oft Garant für Nepp und Enttäuschung. Um es vorwegzunehmen, wir waren angenehm überrascht. Auf einer Schiefertafel wird der Gast mit “Grüß Gott” begrüßt, für uns als langjährige Bewohner von Bayern nicht so exotisch wie wohl für die meisten Berliner. Ich erinnere mich gerade an den Kommentar von zwei Berlinern, als sie bayerische Weißwürste auf dem Wochenmarkt am Käthe-Kollwitz-Platz sichteten: “Schau mal, Weißwürtste, ist ja echt multikulturell.” Von der Terasse des Restaurants blickt man auf den Schlachtensee, wir beobachteten die Badenden in der sommerlichen Abendstimmung und ließen uns trotz eifrigen Gewusels um uns herum von der Stimmung am See verzaubern.
Blick von der Terrase über den Biergarten auf den Schlachtensee
Die Ausstattung des Restaurants mit weißen Stofftischdecken, weißen Stoffservietten, bereits eingedeckten Wassergläsern und zweierlei Brot mit Kräuterquark als Amuse Gueule weckt hohe Erwartungen. Obwohl die Terrasse des Restaurants sehr gut besucht war, wurden wir zügig und aufmerksam bedient, überhaupt zeichnete sich der Service durch hohe Professionalität aus, was für ein Lokal mit “Massengeschäft” heute zu den seltenen Ausnahmen zählt. Die Terrasse ist sehr eng bestuhlt, was je nach Stimmung als störend empfunden werden kann, uns hat es gestern nicht beeinträchtigt.
Die Speisekarte beschränkt sich auf einige überschaubare Positionen, die es der Küche bei solch einem Massengeschäft ermöglichen, ein gewisses Niveau zu halten. Die Speisekarte wird von gastronomischen Evergreens wie Wiener Schnitzel, Sauerbraten und Tafelspitz dominiert.
Als Vorspeise hatte ich eine Fischsuppe bestellt, sie zeichnet sich durch angenehme Milde aus, was mich störte, waren die recht grobgeschnitten Kräuter, und was ich nicht verstand, was hat krause Petersilie in einer milden Fischsuppe zu suchen. Wie so oft ist weniger mehr, aber es ist ja dank des groben Schnitts niemand gezwungen, die Petersilie mitzuessen; sie zerstört wirklich den gaumenschmeichelnden Eindruck der Fischsuppe.
Die zweite Vorspeise war keine Kunst in der Zubereitung, setzt aber gute Ausgansgprodukte voraus: eine Dose Ölsardinen mit Zitrone, Meersalz und knusprig getoastetem Baguette. Insgesamt ein Genuß.
Als Hauptgang hatte ich auf der Haut gebratenen Zander auf Linsen. Wie alle Speisen perfekt präsentiert, auch wenn mir der auf dem Zander liegende Kräuterbüschel etwas zu modisch kräuterbetont war. Die schwarzen Berglinsen harmonierten mit den Röstaromen der gebratenen Zanderhaut, trotzdem ich würde es als Koch nicht so kombinieren.
“Unser preisgekrönter Sauerbraten” war der zweite Hauptgang. Das Fleisch war zart, leicht säuerlich, die Soße süßsauer abgeschmeckt, leider viel zu viel und zu stark gebunden. Der frisch geschmorte Spitzkohl kam gegen die “weihnachtlichen” Würzaromen nicht ganz an, der angenehm säuerliche Rotkohl war zu weich.
Der Kaiserschmarrn war sensationell: außen schön kroß, innen luftig locker, einzig bei den Pflaumen schmeckten die Zimtaromen zu sehr durch.
Das zweite Dessert bestand aus Parfait von zweierlei Schokolade – zweifarbig gestrudelt, schokoladig, aber keine Geschmacksbombe – mit Fruchtsoßenspiegel und einigen frischen Früchten.
Die Weinkarte ist geprägt von europäischen Topwinzern, wir ließen uns ein Cuvée von Meyer-Näkel munden, einen Ahr-Rotwein mit deutlichem Spätburgunderanteil. Die Weinpreise sind angemessen kalkuliert, überhaupt fanden wir das Preis-Leistungs-Verhältnis korrekt und nicht, wie wir zum Beispiel bei Qype gelesen haben, zu teuer. Alles in allem war es ein angenehmer Abend. Zur Fischerhütte
Fischerhütte
kommt man mit der U3 bis Krumme Lanke und dann zu Fuß die Fischerhüttenstraße bis zum Ziel. Autofahrer verweisen wir wieder auf ihr Kartenmaterial oder Navigationssystem.
Wir unterscheiden bei unserer Gastrokritik in:
A: Spitzenrestaurant
B: Restaurant mit Gourmet Anspruch
C: Einfaches Restaurant, Biergarten, Imbiß
Küche: Noten von 1 bis 6 bezogen auf den Restaurantyp
Wein: Noten von 1 bis 6 bezogen auf den Restaurantyp
Preisklasse immer bezogen auf den Restaurant-Typ: hoch, mittel, günstig, Schnäppchen
Austattung immer bezogen auf den Restaurant-Typ: edel, hat was, funktional, 08/15, rustikal
Service: perfekt unaufdringlich; nervend, aber versteht sein Handwerk; paßt so gerade; bemüht, aber etwas unkoordiniert; durch und durch eine Null
Sanitär: man kann vom Boden essen, beeindruckend, na ja wie zu Hause, geht so, man sollte den Ort meiden
Die Fischerhütte schnitt ab: Restaurantyp: C; Küche: 2; Wein: 2; Preisklasse: hoch (angemessen); Ausstattung: hat was; Service: perfekt unaufdringlich; Sanitär: nichts Besonderes



September 23rd, 2007 at 17:00
zufällig stoße ich auf die “Berliner Küchengespräche”.
Intreressante Seite habt Ihr da zustande gebracht.
In Bezug auf die Gastro Kritik “Fischerhütte” verstehe ich nicht,
wie eine Dose Ölsardinen wie auch immer serviert, als akzeptable
Vorspeise durchgehen kann. Gibt es denn wirklich Ölsardinen in der Dose
die kulinarisch mehr versprechen als die, die man so gemein hin kennt?
Oder waren das selbst eingelegte Sardinen, in einer Dose serviert?
September 25th, 2007 at 19:19
Meiner Auffassung nach ergibt sich die kulinarischen Wertigkeit eines Lebensmittels aus seiner eigenen Qualität und Orginalität, der Qualität der Zutaten und deren Verarbeitung. Im Prinzip kann jedes Lebensmittel kulinarisch wertvoll sein, wenn es handwerklich auf hohem Niveau verarbeitet wurde, eine qualitative Selektion stattgefunden hat und sich das Terroir im Lebensmittel widerspiegelt.
Dezember 21st, 2009 at 19:45
Ich denke hier kommt es wirklich stark auf das verwendete Öl an. Wenn das richtig gut ist, kann das schon ein einmaliges Geschmackserlebnis sein.